Antikenfestspiele - Babel der Welt


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Geschrieben von bettina am 17. Juli 2001 um 06:48:

Antikenfestspiele in Trier

Babel der Welt

Eine Stadt im Sommertaumel: Guildo, Kollo, Gitte mit "Orpheus in der Unterwelt". Und allerlei Skandale

Christiane Peitz

Damals, ja damals, war die Theaterwelt noch in Ordnung. Vor 2 000 Jahren war Trier nicht nur die Hauptstadt des Weströmischen Reiches, sondern auch ein Mekka für die Freunde der Bühnenkunst. Das Marstheater bot Platz für 25 000 Zuschauer, auf den Rängen des Amphitheaters tummelten sich 20 000 Schaulustige, und das kleine, feine Kulttheater im Altbachtal fasste weitere 1 500 Besucher. Griechenland? Wien? Bayreuth? Vergessen Sie's: Trier, die älteste Theaterstadt auf deutschem Boden, liegt uns als Wiege der Schauspielkunst näher.

Heute, ach heute, ist alles verschüttet. Das Marstheater ist unter Schlemmsand begraben, auf dem Gelände des Kulttheaters pflegen Schrebergärtner ihre Gemüsebeete, und dem Zeitgenossen fällt zu Trier nur noch die Porta Nigra ein und das Geburtshaus von Karl Marx. Aber nein, dachte sich Heinz Lukas-Kindermann, umtriebiger Intendant des Stadttheaters, das kann doch nicht alles gewesen sein. Also erfand er anno 1998 die Antikenfestspiele: Sommertheater vor römischen Kulissen. Das Motto 2001: Orpheus, der Mythos vom Ursprung des Gesangs, von Monteverdi bis Offenbach.

Apropos Mythos: Auch Guildo Horn spielt mit bei "Orpheus in der Unterwelt", vom Intendanten persönlich als knallbunt-exotische Farce vor den Ruinen der Kaiserthermen in Szene gesetzt. Für den "Trierischen Volksfreund" hat der Schlager-Barde vorab exklusiv die Geburt des Gesangs aus dem Geist des Feuilletons enthüllt. Zwar trat er bereits im zarten Alter von vier Jahren dem Trierer Kammerchor bei, aber den Grundstein für seine Künstler-Karriere hat doch seine Tante Ingeborg gelegt. Die schrieb fürs Feuilleton und nahm ihren Neffen in die Oper mit. Seitdem hat er keine Angst mehr vor der Hochkultur.

Aber es hilft nicht: Guildo schlurft im Biene-Maja-Kostüm auf die Freilichtbühne, nähert sich Eurydike im Hades mit komplizierten Konjunktiv-Komplimenten, hat keine Chance - und weint, dass es den römischen Sandstein erweichen könnte: "Als ich noch Prinz war von Arkadien". Ja damals, als Guildo beim Grand Prix d' Eurovision mitmachte, als er Nussecken verzehrte und uns alle lieb hatte, war auch die Schlagerwelt noch ziemlich in Ordnung. Jetzt, vor Eurydike, vergisst er seinen Text, was aber nicht schlimm ist, denn Guildo ist Kult und 100 Prozent authentisch. Zum Schlussapplaus zupft der Teufel ihm ein Brusthaar aus und wirft es ins Publikum.

Auch Elke Sommer kann nicht singen, und auch das macht rein gar nichts. Als "öffentliche Meinung" reißt sie den Mund auf und markiert ihre Partie im tiefsten Bariton. Schließlich handelt Offenbachs Operette ja von Schein und Sein, von Dekadenz, Lottergesellschaft und Sittenverfall. Und schließlich ist auch René Kollos arkadische Zeit längst passé, weshalb die Götter nebst Gattin Juno (Gitte Haenning auf rotem Stöckelschuh) gegen Kollo-Jupiter revoltieren und einen Übergangs-Olymp fordern - woraufhin Juppi seinerseits den Trierern die Leviten liest. Juppi nennt die Göttin ihren Göttergatten, aber die Besucherin aus Berlin denkt natürlich an Juppi von der Ufa-Fabrik - der aus Trier stammt und Messdiener war.

Die Domstadt ist den Göttern seit altersher besonders nah - neuerdings aber ebenfalls besonders dekadent. Hier herrschen himmlisch satyrische Verhältnisse: Anfang Juli wurde der hiesige Ex-Caritas-Manager und CDU-Kassenwart Hans-Joachim Doerfert zu zehn Jahren Haft verurteilt - wegen Veruntreuung von Millionenbeträgen. Auch sein Dienstherr, Bischof Spital, ist zum Ende seiner Dienstzeit in die Schlagzeilen geraten, nicht nur wegen seiner Liebe zu rasanten Sportwagen. Zwar darf laut aktuellem Gerichtsbeschluss niemand mehr behaupten, er sei mit einem Ferrari Testarossa wegen zu schnellen Fahrens gestoppt worden - der Bischof fuhr nämlich Alfa Romeo. Aber der drohende Caritas-Konkurs wird nun mit 100 Millionen Mark aus Kirchensteuermitteln abgewendet. Trier, ein Operettenstaat.

Die Bewohner der Bistumsstadt, so steht es in den Chroniken, seien von Natur aus melancholisch, würden aber durch "beiwohnung der frembden etwas thätiger". Da ist es nur logisch, dass Festspiel-Intendant Lukas-Kindermann die örtlichen Theater-Profis mit Prominenz aus der Welt des Entertainments aufmischt, das Orchestre Philharmonique du Luxembourg einbindet und schon in den Vorjahren Stars wie Hildegard Behrens, Sir Peter Ustinov und Anja Silja an die Mosel holte. Am kommenden Wochenende gastiert das Staatstheater Stuttgart mit "Medea".

Der Traum des Intendanten: Weg mit dem Schlemmsand! Das Marstheater, schlägt er vor, könnte man rekonstruieren und mit einem Glasdach gegen den Regen versehen, und das Antikenfestival drohte nicht mehr wie alle Jahre wieder ins Wasser zu fallen. Schöne Vorstellung: Tausende von "Frembden" wohnen den Trierer Satyrspielen bei, der Bischof a. D. fährt im Sportwagen vor, und die öffentliche Meinung verhandelt die Frage der Automarke. Und die die weströmische Theaterwelt wäre endlich wieder in Ordnung.




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