Jupi summt und Pluto brummt


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Geschrieben von tina am 12. Juli 2001 um 23:56:

Ssssssuumm: Jupiter (Rene Kollo) umschwärmt die schöne Euridike (Carmen Fuggiss). Foto: Friedemann Vetter

Regenschauer dämpfte Stimmung nicht:
Fulminante Premiere der Offenbach-Operette "Orpheus in der Unterwelt”

Von unserer Redakteurin VERONA KERL

TRIER. Die Öffentliche Meinung ist trunken. Ihre Mühen waren umsonst. Die Unmoral hat gesiegt und alle sind glücklich. Besonders das Publikum in den Kaiserthermen, das Sterbliche und Götter bei der Premiere von "Orpheus in der Unterwelt” bejubelte. Damit hatte Eurydike sicher nicht gerechnet. Gerade, als sie ihrem Ehemann Orpheus unverblümt erklärt, dass sie ihn wegen eines Schäfers verlassen will, fängt der Himmel zu weinen an. Zaghaft zunächst, doch dann insistierend. Orpheus, der Wetter, Tiere und Menschen mit seinem Spiel besänftigen kann, kramt seine Geige hervor, setzt den Bogen an und versagt: Das Städtische Orchester packt zusammen.

"Meine Damen und Herren, wir müssen kurz unterbrechen. Der Regenschauer zieht in zehn Minuten vorbei”, entschuldigt sich der künstlerische Leiter Heinz Lukas-Kindermann. Prüfende Blicke beobachten die dunkle Wolkenwand, doch die meisten Zuschauer bleiben sitzen und warten. Zehn Minuten dehnen sich aus zu einer halben Stunde. Die Schlechtwetter-Front nimmt sich sichtlich Zeit, hinterlässt aber kein einziges Wölkchen. Eurydike verlässt Orpheus also ein zweites Mal, und die Geschichte kann endlich ihren Lauf nehmen.

Ein schrilles, temporeiches, zuweilen skurriles Spektakel hat Heinz Lukas-Kindermann inszeniert. Und da selbst Nebenrollen prominent besetzt sind, wird hier und da schon mal ein Part großzügig ausgebaut, schmücken Götter und Sterbliche ihre Texte mit witzigen Aperçus aus. Ein Prozedere, das bei "Orpheus in der Unterwelt” gang und gäbe ist, wurde doch die Operette seit ihrer Uraufführung am 21. Oktober 1858 in Paris bereits unzählige Male umgearbeitet. Nicht zuletzt von Jacques Offenbach selbst, der im Jahre 1874 in eine aufwändige Fassung investierte, indem er Handlung, Ausstattung und Personenzahl erheblich erweiterte.

In den Kaiserthermen tummeln sich unter einem stilisierten Eiffelturm (Ausstattung: Susanne Thaler) mythologische Mischpoke und irdische "Märtyrer”. Schnell ist klar: Die Leiden von damals sind die Leiden von heute. Eheverdrossenheit, Langeweile und tagtägliche Gourmandise – Jupiter kann ein Lied davon singen. Nicht umsonst sucht er seit Jahrtausenden sein Vergnügen überall, nur nicht im Olymp oder im heimischen Ehebett. René Kollo kennt die Qualen der Götter, spätestens seit er bei den Bayreuther Festspielen 1969 seinen Einstand gab. Souverän bis in die Fingerspitzen, stimmlich auf der Höhe und mit großer Bühnenpräsenz spielt er den promiskuitiven Göttervater. Gesegnet mit einem komischen Talent, von dem sich mancher so genannte Comedy-Star eine Scheibe abschneiden sollte, ist er geradezu eine Idealbesetzung. Sein weibliches Pendant heißt Carmen Fuggiss – wie geschaffen für die Rolle der Eurydike. Kein Wunder, dass ihr Pluto, Styx und Jupiter schöne Augen machen. Als kokettes Weib sin Ihr Bewacher Hans Styx vergeht schier vor Sehnsucht, sobald er in ihre Nähe kommt. Das Heimspiel für Schlagerbarde Guildo Horn erweist sich als Volltreffer. Im Biene-Maja-Kostüm und BVB-Pantoffeln (Borussia Dortmund) schlurft er durch die Unterwelt und mimt einen schreiend komischen, musikalisch eher schrägen "Prinz von Arkadien”, an dem der frustrierte Pluto gerne seine Wut auslässt. Glatt, geschmeidig, gefährlich sind die Attribute, die Pluto Günter Barton anhaften. Verschlagen wieselt er als listiger Lebemann durch die Götterschar, stets darauf bedacht, Konfrontationen aus dem Wege zu gehen und seine Schäfchen unbemerkt ins Trockene zu bringen.

Was ihm mit Sicherheit gelungen wäre, gäbe es die Öffentliche Meinung (Elke Sommer) nicht. Weil sie Orpheus zwingt, die ungeliebte Gattin aus der Unterwelt zurückzufordern, fliegt Plutos Entführung auf. Elke Sommer bildet unnachgiebig die öffentliche Meinung. Moral ist schließlich Moral. Dass sie dabei ihre Töne nur peripher trifft, tut nichts zur Sache. Doch dass die Öffentliche Meinung am Ende scheitert, ist nur schwer zu ertragen.

Dafür gelangt Orpheus (Fabrice Dalis) glücklich aus Schattenwelt und Ehe heraus, die ihn schon lange anödet. Dalis demonstriert dies überzeugend mit einem treu-doofen Hundeblick und seinem lustlosen Gefiedel für den Göttervater. Einzig als Sänger macht der gehörnte Ehemann eine tadellose Figur. Juno allerdings muss wohl weiter mit den Eskapaden ihres "Jupis” leben. Jazzsängerin Gitte Haenning gereicht in dieser Rolle jedem tüteligen Tantchen zur Ehre. Einige Zuschauer entdecken sogar eine gewisse Ähnlichkeit mit Heidi Kabel. Im Götterreigen scheint sich Gitte jedenfalls ausgesprochen wohl zu fühlen, wenn auch die kuriose Mischung aus ausgebildeten Stimmen und nicht ausgebildeten Sängern musikalisch unausgegoren wirkt. Vor allem bei den Ensemblenummern stimmt das Timing nicht, hinken die Sänger dem gut disponierten Orchester entweder hinterher, oder muss Dirigent István Dénes gar merklich das Tempo drosseln. Die Spielfreude der Trierer Sänger bleibt davon unberührt, alle Wer noch keine Karte hat, sollte es schnell noch an der Abendkasse versuchen. Es lohnt sich. Weitere Termine: 13.,14.,15. Juli, jeweils 21 Uhr.

Quelle: http://www.intrinet.de/20010713/ku407975.htm



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