Leporellos Tagebücher


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Geschrieben von Martin (schon wieder... :-) am 17. Dezember 2007 um 20:25:

"Die Zeit" ist doch eine ganz renomierte Zeitschrift bei Euch, oder? In der Onlineausgabe vom 22. November findet man folgenden - wie ich meine sehr guten - Artikel:

Piep, piep, er hat die Oper lieb
Singen hat eine neue Stadthalle aus Licht und Beton. Dort steht nun der Schlagerbarde Guildo Horn auf der Bühne und singt Mozart-Arien.
Von Roland Müller

Am Ende rückt er unser Weltbild wieder zurecht. Beim Schlussapplaus, der gar nicht enden will, ist Guildo Horn ganz einfach wieder Guildo Horn. Seine Kollegen aus der Klassik machen brav ihre Diener, er aber pfeift auf solche Artigkeiten, stürmt zur Rampe, dreht Pirouetten, wirft Kusshände ins Publikum und reckt siegesbewusst die Faust empor. Jetzt ist er wieder der alte Trash- und Schlagersänger, den wir kennen und lieben, ungestüm und unverschämt badet er im Jubel – und zur weiteren Festigung unseres Weltbilds wäre es jetzt auch noch schön, wenn dutzendweise feuchte Höschen auf die Bühne flögen.
Aber dazu sind die Damen im Parkett dann doch zu alt, obwohl: An Begeisterung für den Mann mit dem langen Pferdeschwanz gebricht es ihnen nicht, das stellen sie von Anfang an klar.

»Bravo, das war gut!«, ruft eine so ergraute wie erstaunte Zuhörerin, nachdem Horn eine erste Probe seiner neuen Sangeskunst gegeben hat, die Registerarie des Leporello. Ja, des servilen Dieners aus Mozarts Don Giovanni. Horn macht jetzt auf große Oper.

Dazu muss man wissen: Horn macht das in Singen. Und Singen, die Kleinstadt im Süden der Republik, die ihren Ruhm vor allem der Suppen- und Gewürzfirma Maggi zu verdanken hat, schmückt sich seit September mit einer neuen Stadthalle. Ein Bau aus Glas und Beton und Lichtkunst, dem der Wille zur schönen Form durchaus anzumerken ist, der aber noch immer unter einer eher unschönen Eröffnung zu leiden hat. Senta Berger las Alfred Polgar – dafür konnten sich die Kleinstädter nicht so recht erwärmen.

Auch nicht für die Honoratioren, die sich davor und danach in Festreden auf die Schulter klopften. Da musste also noch was Gescheites kommen.

Und es kam Fabian Dobler, der klassisch ausgebildete Musiker, der wie Maggi in Singen ansässig ist und dort vor drei Jahren das Kammermusikensemble Operassion gegründet hat. Damals hat er aber auch bei den Antikenfestspielen in Trier die Operette von der Schönen Helena dirigiert und Guildo Horn als Menelaos kennengelernt. Dobler erlebte dabei, wie er sagt, sein »blaues Wunder«: Der Schlagerfuzzi, der sonst mit seiner Band Die Orthopädischen Strümpfe die Säle füllt, konnte mehr als passabel singen und spielen, sodass für eine weitere Zusammenarbeit nur noch das geeignete Werk und der geeignete Anlass fehlten.

Und jetzt: die Stadthalle! Der Eröffnungsknaller! Guildo Horn! Der anarchische Grand-Prix-Clown als disziplinierter Opernsänger, der ARD und ZDF, RTL und 3sat, Zeitungen und Radios über die Maßen elektrisiert und von weit her anreisen lässt! Es ist lange her, dass Singen ein solches Medienaufgebot gesehen hat, zuletzt vielleicht vor dreißig Jahren, als im Mai 77 ein Terroristenpaar nach einer abenteuerlichen Verfolgungsjagd verhaftet wurde.

Aber damals gab’s ja noch keine Privaten, weshalb Horn die RAF jetzt locker toppt mit dem heiteren Singspiel, das ihm Dobler auf den prolligen Leib geschrieben hat. Don Giovannis Weibergeschichten werden hier nämlich, anders als im Original, ganz aus der Perspektive des Dieners erzählt, weshalb das Projekt, frei nach Mozart und um einige überflüssige Rezitative und Arien erleichtert, unter dem Titel Leporellos Tagebücher firmiert. Und in Leporellos Kostüm steckt, aber das hatten wir schon, der 1963 als Horst Köhler geborene Guildo Horn.

Horst Köhler, ausgerechnet! Aber auch als Opernheld unternimmt der Exot nun alles, um den Bundespräsidenten in ihm vergessen zu machen. Als Kreuzung aus Mephisto und Mackie Messer schleicht Horn verschlagen über die karge Bühne in Singen, immer in der gierigen Hoffnung, auch etwas abzukriegen von den Weibern, die sein Herr abgelegt hat. Das ist nicht nobel, aber doch die Rolle, die diesem Musiktheater-Greenhorn sozusagen von Natur aus gegeben ist.

Der Don Giovanni läge ihm nicht so, auch stimmlich, schließlich sei er, der Bariton, doch eher »ein Diesel unter all den hochgetunten Boliden«, die da neunzig Minuten mit ihm durch diesen Mozart light sausen. Aus der Kurve trägt es dabei freilich niemanden. Das kleine Orchester: famos. Das kleine Ensemble: kraftvoll. Und Horn: ganz schön wacker!

Und jetzt weiß es das ganze Land. Singen hat Maggi – und eine Stadthalle. Und es weiß auch, dass Guildo Horn nicht nur Mamas Nussecken verdrücken, sondern auch Mozarts Arien rausschmettern kann. »Ich bin ja nicht auf der Welt, um immer nur meine eigenen Klischees abzufeiern«, sagt der wie immer gut gelaunte, wie immer saloppe und grell wollbemützte Showmensch auf der Premierenfeier. Piep, piep, jetzt hat er eben auch die Oper lieb!



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