Ein himmlisch höllisches Vergnügen
die Paradise of Pain – Premiere

Natürlich waren wir nach wochenlangem Warten mehr als gespannt, wie die Neuinszenierung des Musicals “Paradise of Pain” am Theater in Guildos Heimatstadt Trier ausfallen würde. Immerhin haben wir in diesem Umfeld bei den Antikenfestspielen sowohl Spitzenklasse (“Orpheus in der Unterwelt”) als auch weniger Erbauliches (“Die schöne Helena”) erleben dürfen. Nun stand also das erste Musical mit Guildo in Trier auf dem Programm und das bei einem kleineren Theater, das nicht gerade für dieses Genre bekannt ist. Dazu noch das recht hohe Risiko ein Stück zu nehmen, das einem breiten Publikum noch nicht bekannt war. Durchaus eine spannenden Angelegenheit.

Da war es im Vorfeld schon beruhigend zu erfahren, dass das Theater sich sowohl bei der Besetzung (neben Guildo mit Gästen wie Sanni Luis oder Stephanie Wettich) als auch bei der Tontechnik (die bei der Inszenierung der Helena ein enormer Schwachpunkt war) nicht nur auf das eigene Ensemble verlassenen würde. Die Trierer Firma Pro, die auch bei fast allen Live Konzerten von Guildo für den kristallklaren Sound verantwortlich zeichnet, übernahm auch mit einer hochmodernen Tonanlage die Beschallung des Theaters, was eindeutig der akustischen Seite sehr zu Gute kam, klanglich gab es am brillanten Sound absolut nichts auszusetzen. Die theatereigene Anlage wäre hier mit Sicherheit sehr schnell an ihre Grenzen gestoßen. Dennoch war die Lautstärke - besonders im ersten Teil – deutlich zu niedrig, man hatte wohl zu Gunsten der traditionellen Theaterbesucher verständliche Bedenken. Aber Rockmusik muss einfach einen gewissen Pegel erreichen, um in vollem Umfang mitzureißen, es war ja kein Opernabend angesagt.

Besetzung
Mephista: Sanni Luis
Johannes: Guildo Horn
Angelina: Stephanie Wettich
Jonathan: Michael Ophelders
Klobürste: Tim Olrik Stöneberg
Miss Propper: Angelika Schmid
Walther von der Vogelweide / Jack the Ripper: Klaus-Michael Nix
Sokrates / Bubi: Hans-Peter Leu
Leonardo da Vinci / Nero: Christoph Bangerter
Albert Schweitzer / Papst Rodrigio Borgia: Peter Singer
Casanova / Al Capone: Manfred-Paul Hänig
Lucretia / Cleopatra: Claudia Felix
Jeanne d´Arc / Dalila: Hille Beseler

Bandleader und Keyboards: Achim Schneider
Guitars: Frank Nimsgern | Andreas "Schrader" Dorn
Bass: Stefan Engelmann
Drums: David Anlauff
Trumpet: Ernie Hammes
Trombone: Jan Kamp

Inszenierung: Holger Hauer
Choreographie: Barbara Tartaglia
Ausstattung: Christoph Weyers
Dramaturgie: Peter Oppermann

Das außerordentlich aufwändige Bühnenbild der Hölle mit einem Schiff als zentralem Element und zahlreichen liebevoll gestalteten Details zieht die Zuschauer gekonnt in seinen Bann, man fühlte sich sofort in diese unwirkliche Welt versetzt. Auf dem Hell-Trainer schwitzen die armen Sklaven Mephistas, dass es nur so eine Wonne ist, um den Strom für den Himmel zu produzieren, auf Grillrost und Streckbank werden der illustren Schar der Höllenbewohner mit Jack the Ripper, Al Capone, Nero & CO ihre irdischen Sünden schmerzhaft bewusst gemacht. Da ist dann die Jauchegrube zur Abkühlung eine wahre Erholung, wenn sich noch ein Plätzchen darin findet, denn der Andrang ist hier immer groß. Allgemein herrschen Chaos und Anarchie, die gefürchtetste aller Strafen ist jedoch die Folter durch Sex mit der Chefin Mephista, denn die ist in dieser Beziehung alles andere als sanft.

Mit der “höllisch” charmanten Sanni Luis, die den Guildo Fans als Engel aus “Vom Geist der Weihnacht” bekannt sein dürfte, ist die Rolle der Höllenchefin “Mephista” ideal besetzt. Das zeigt auch die enorme künstlerische Bandbreite einer exzellenten Darstellerin: ein Engel wird genauso überzeugend präsentiert wir die sexbesessene Gewaltherrscherin der Hölle. Gesanglich gehört Sanni Luis selbstredend seit Jahren mit zum Besten, was die deutsche Musicalszene zu bieten hat, und das darf sie auch in Trier deutlich zeigen. Wunderbar ihre laszive Art peitschenschwingend in ihrem gewagten Outfit die Hölle zu beherrschen und dabei ausdrucksstark mit enormer stimmlicher Bandbreite ihre Songs darzubieten. Aber auch ihre Wandlung durch die Liebe zu Johannes weiß sie überzeugend darzustellen.

Die armen Höllenbewohner hoffen auf eine Lichtgestalt, die helfen könnte die Zustände wenigstens etwas erträglicher zu machen, und wer anders als ein pedantischer Paragraphenreiter namens Johannes Täufer aus Hermeskeil – also Guildo Horn – kommt da in Frage ! Natürlich sind wir als langjährige Fans von Guildo total subjektiv bei der Beurteilung seiner Leistung, das ist ja das schöne, wenn man unabhängig und niemandem verpflichtet ist, aber bei aller Subjektivität muss man einfach sagen, dass Guildos Performance (und seine Maske) in diesem Stück einfach sensationell ist. Natürlich ist er gesanglich bei seinem stellenweise recht anspruchsvollen Part über jeden Zweifel erhaben, das hatte wohl auch niemand ernsthaft anders erwartet. Aber auch darstellerisch liefert Guildo in “Paradise of Pain“ eine phantastische Leistung ab, ohne auch nur im geringsten zu überziehen oder gar in “Theo Lingen Komik” abzugleiten verkörpert er seine Figur und schafft für die Zuschauer die perfekte Illusion. Auch sein Zusammenspiel mit der Klobürste (hervorragend gespielt von Tim Olrik Stöneberg ) zeigt seine hervorragenden schauspielerischen Fähigkeiten.

In der Pause und auch nach der Premiere hörten wir unter den durchaus kritisch eingestellten Zuschauern durchweg positive Stimmen, und das auch bei Ersttätern, was Guildo als Schauspieler angeht. Selbst die angedeuteten tänzerischen Einlagen beim Finale waren für uns sehr überzeugend.

Leider waren nicht alle Leistungen so restlos überzeugend, besonders bei der Harmonie im Himmel hapert es ein wenig. Während sowohl Angelina, die Chefin des Himmels, in ihren Soli eine ansprechende Leistung liefert, hapert es bei ihren Duetten mit ihren männlichen Gegenpart doch recht deutlich. “Break the Silence“, eine romantische Ballade (zusammen mit dem von Michael Ophelders gespielten Gangster Jonathan Diver) erreicht die beabsichtigte Wirkung einfach nicht. Und das, obwohl auch die Soli von Jonathan sehr überzeugend waren, rotzig, rockig vorgetragen, darstellerisch mitreißend dargeboten und zu Recht mit Szenenapplaus versehen. Leicht unverständlich jedoch, warum an seiner Aussprache der englischen Textpassagen nicht mehr gearbeitet wurde.

Überrascht wurden wir von der netten Idee Guildo und auch Michael Ophelders gleich in Doppelrollen zu besetzten: In sehr effektvoll per Video eingespielten Sequenzen stellten sie die “Dreifaltigen” dar, die in die chaotischen Zustände von Himmel und Hölle eingreifen, um zu versuchen die alte Ordnung wieder herzustellen.

Absolut begeistert haben uns einige Nebenrollen: Albert Schweizer (Peter Singer) , Sokrates (Hans-Peter Leu) und Miss Propper (Angelika Schmid) im Himmel zeigten, dass auch solche Parts großen Spaß machen können, wir haben uns jedenfalls köstlich über das Trio amüsiert.

Die Himmelsszenen bieten zwar eine ganze Reihe komödiantischer Highlights, bleiben aber insgesamt für uns gegenüber der Hölle etwas blass zurück, eventuell hätte hier eine leichte Straffung dem Ganzen gut getan.

Richtig begeistert hat uns auch die unter der Choreografie von Barbara Tartaglia entstandene Darbietung der Tänzer, so tolle Tanzeinlagen haben wir noch nicht oft gesehen. Das Tanzensemble des Trierer Theaters braucht sich hinter denen weit größerer Häuser wahrlich nicht zu verstecken.

Absolut erwähnenswert ist natürlich noch die von der herausragenden Liveband eingespielte Musik, das war absolut perfekt bis in Details. Ab Februar wird übrigens August Schrader hier von Fank Nimsgern die Gitarrenarbeit übernehmen.

Unser Fazit:

 “POP” ist in der Trierer Neufassung von Holger Hauer und Peter Oppermann sehr  unterhaltsam und witzig, opulent ausgestattet, gesanglich in einigen Rollen wirklich brillant und damit trotz kleinerer Mängel auf jedem Fall eine Reise nach Trier wert. Zumal die Eintrittspreise außerordentlich familienfreundlich sind Und das ganz sicher nicht nur für die Fans von Guildo Horn ...

Termine und Tickets

Es wird in der Spielzeit 2006 insgesamt 18 Aufführungen geben.
Januar: 06., 13., 21., 24.
Frbruar: 04., 10., 15., 18., 24.
März: 08., 17., 31.
April: 16., 28.
Mai: 01., 05., 14. 26.
Juni: 01.

Tickets gibt es an der Theaterkasse des Theaters Trier unter der Rufnummer: 0651-718 18 18 oder online unter www.theater-trier.de.

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stand der seiten 24 Apr, 2007