|
Sixties
|
Wie kam es dazu, daß Guildo Horn seit einigen Jahren auch als Schauspieler aktiv ist?
|
|
Guildo
|
Über den Kammerchor, Schulchor und dann Landes Jugendchor bin ich zum Theater Trier gekommen und habe dort im zarten Knabenalter bei
der ein oder andere Aufführung mitgewirkt, u.a. Carmina Burana, Beethovens Neunte oder dem Wildschütz. Mit 13 wurde ich Schlagzeuger in meiner ersten Band und wollte lieber „ganz cool“
Musik machen. 1999 dann wurde ich für die Hauptrolle in dem Kinofilm "Waschen, Schneiden, Legen" verhaftet und spielte daraufhin ein paar kleinere Rollen in diversen
Fernsehproduktionen. Im Jahr 2000 hat Cordula Trantow mich dann für die Rolle des „Zauberers von Oz“ in Garmisch-Partenkirchen erstmals auf eine Musicalbühne gezaubert. In meiner
orthopädischen Welt geht’s eh seit jeher um das Rollenspiel zwischen Publikum und Bühne und mir war schon früh klar, dass die Kombination aus Schauspiel und Musik genau mein Ding ist.
|
|
Sixties
|
Also du hast seinerzeit für Garmisch kein Casting durchlaufen müssen?
|
|
Guildo
|
Nein, vom Casting wurde ich verschont. Frau Trantow wusste wen Sie für diese Rolle wollte, eben mich, den Horn. Das war
schon ziemlich mutig. Ich bin halt von Außen betrachtet ein ganz spezieller Kandidat und durch Garmisch hallte ein Aufschrei des Entsetzens: „Darf der Schmuddelkünstler hier Theater
spielen?“ Bei der Pressekonferenz in München weigerte sich der damalige Bürgermeister mir die Hand zu schütteln und solche Spielchen. Aber wir haben Garmisch gerockt! Als nächstes
verpflichtete mich Lukas Kindermann für die Antikenfestspiele in Trier. Und ich spielte in „Orpheus in der Unterwelt“ den Hans Styx.
|
|
Sixties
|
Hat sich aus Deiner Sicht seit der ersten Rolle als Zauberer etwas verändert?
|
|
Guildo
|
Ich habe natürlich mittlerweile bei den verschiedenen Produktionen Erfahrungen gesammelt. Eigentlich fühle ich mich aber immer noch
wie ein zartes Theaterküken, halt im Frühling meines Theaterschaffens. Die Theaterwelt ist für mich eine neue wundervolle Spielwiese. Ich will viel lernen, ausprobieren und wünsche mir viel Input
vom Regisseur und den Kollegen. Ich bringe meine Erfahrungen als Populärmusiker und meine Unverbrauchtheit in die Produktion ein, die Kollegen sind zumeist ausgebildete Darsteller. Ich freue mich
über den entstehenden Cross Over, von dem beide Seiten nur profitieren können. Ich nähere mich meinen Rollen vom Bauch aus und habe auf der Rock´n Roll Bühne gelernt frei zu gestalten. Ich
bewundere es jedoch wenn jemand als Schauspieler eher analytisch arbeitet. Da schau ich mit Respekt gerne zu, wobei ich mir jedoch meine Frische erhalten will.
|
|
Sixties
|
Auf der Musikbühne bist du also der Chef. Beim Theater ist es anders, da gibt es eine Hierarchie. Wie kommst du damit klar?
|
|
Guildo
|
Bandmusik und Fußball sind meine beiden großen Leidenschaften. Beides sind Mannschaftssportarten. Wenn ich neu in eine Produktion
komme ist es mir wichtig, dass ich Spaß mit den Kollegen habe und durch Leistung überzeugen kann. I Im Theater bin ich keine Rampensau, sondern ordne mich auch gerne im Ensemble ein. Hier geht es um eine gute Ensembleleistung. Wir haben ein gemeinsames Ziel: was Tolles auf die Bühne zu zaubern. Und der Regisseur ist der Teamchef. Er hat die Aufgabe dem Team einen gemeinsamen Geist einzuhauchen. Da kann ich mich liebend gerne einordnen. Auf Kollegialität lege ich größten Wert denn nur so entsteht ein befriedigendes Ergebnis. Zum Team gehören alle. Das fängt beim Pförtner an und hört bei der Putzfrau auf.
|
|
Sixties
|
Gibt es beim Musical eine Traumrolle, bei der du sagst: „Wenn mir morgen einer den Vertrag hinhält, da unterschreib ich“
bzw. gibt es Rollen, die Du ablehnen würdest?
|
|
Guildo
|
Ich freu mich jetzt erst mal auf die zwei anstehenden Produktionen - beides leckere Sahnestückchen. In Paradise of Pain spiele ich
den Johannes Täufer, einen Beamten aus dem Hunsrück, der fälschlicherweise in die Hölle gesteckt wird. Johannes macht in seiner Not das, was er kann. Er verlangt die Höllenverordnung und beginnt
fortan Gesetze und Regeln zu etablieren, wächst über sich hinaus und mutiert sozusagen zum „Global Player“. Große Freude im Hause Horn! Großes Theater!
In „Shakespeares sämtliche Werke - leicht gekürzt“ wird mir die Ehre zuteil fast sämtliche Frauenrolle übernehmen zu dürfen.
Ich übe schon und ich glaube ich hatte letztens meinen ersten Eisprung! Es ist natürlich eine tolle Herausforderung ein Drei-Personenstück aufführen zu dürfen. Da ist die Aufregung groß!
Ansonsten Traumrollen? Ich kenne viel zu wenig aus Musical und Operette. OK, obwohl schon ein wenig abgespielt, würde ich liebend
gerne mal den Riff-Raff geben, da kann auch direkt an der Maske gespart werden. Ich lehne Rollen ab, wenn mir das Drehbuch zu platt ist. Der Stoff muß mich schon kicken. Außerdem sollte man sich
heutzutage die Produktionsfirma genauer angucken. Von einigen freien Theaterproduktionsfirmen, für die ich gespielt hab, habe ich noch Geld zu kriegen. Danke an dieser Stelle!
|
|
Sixties
|
Gibt es im Rückblick eine Rolle, die dir besonderen Spaß gemacht hat?
|
|
Guildo
|
Ja, jede. Vielleicht hervorzuheben den Marley in „Vom Geist der Weihnacht und den Zauber von OZ und den Hans Styx und den Menelaus
und den Rudi Carrell. Ich bin gerne viel Beschäftigt auf der Bühne und spiele ein Stück am liebsten oft und regelmäßig. Acht mal die Woche Bühne hat schon was. Ich war mit den Strümpfen
mehrere Jahre intensiv auf Tour und habe auch dort fast jeden Tag auf der Bühne gestanden. Das tut gut. Das reinigt und macht dich besser und konzentrierter. Ich bin natürlich vornehmlich Sänger
und habe auch gerne was Handfestes zu singen.
|
|
Sixties
|
Gehst du davon aus, daß Leute wegen Guildo Horn kommen? Oder trotz Guildo Horn ?
|
|
Guildo
|
Beides. Mich mögen die Leute, oder sie finden mich Scheiße. Bei mir gibt es wenige, die keine Meinung haben, das ist ja das seltsame,
aber wiederum auch das Reizvolle. Klingt vielleicht krass, aber ob mich jemand mag oder nicht ist mir vollkommen gleich. Trotzdem: am Besten immer erstmal gucken kommen und dann das Urteil.
|
|
Sixties
|
Was hat dich an „Paradise of Pain“ besonders gereizt? Kanntest du das schon als es dir angeboten wurde?
|
|
Guildo
|
Nein, ich habe zuerst nur gewusst, dass Frank Nimsgern früher Bandleader bei Chaka Khan war und ein verdammt heißer Gitarrist ist.
Also bin ich auf seine Homepage geschwebt und war von den Socken, was der in seinem jungen Alter schon alles auf die Beine gestellt hat. Respekt! Musikalisch geht es bei „Paradise of Pain“
recht heftig zur Sache, Jazz-Funk-Rock, sehr rhythmisch, handwerklich absolute Chefliga. Paradise of Pain ist richtig energetisch, hat eine packende skurrile Story und vieles mit einem
Rockkonzert gemein. Das macht einfach Spaß, da will ich dabei sein. Frank Nimsgern legt in seinen Stücken viel Wert auf eine ausgefeilte Choreografie und setzt in Sachen Darsteller weniger auf
den Musicalbereich als auf das Rock / Pop/ Jazz und Soul Lager. Das tut diesen Produktionen richtig gut und gibt eine spezielle Note. Obendrein bin ich ja auch Trierer. Einmal Trierer, immer
Trierer. Und wenn ich dann die Möglichkeit habe, in einem so geilen Stück auch noch in meiner Heimatstadt zu spielen, dann mach ich das mit Liebe.
|
|
Sixties
|
In Saarbrücken ist es mit einem Riesenerfolg gelaufen. Es war ein Publikumsrenner. Proteste aus den konservativen Kreisen sind da
ausgeblieben.
|
|
Guildo
|
Saarbrücken ist nicht Trier. Ich kenne ja auch meine Trierer Pappenheimer und glaube schon, dass es für uns Trierer keine Schonkost
ist. Aber, liebe Mitbürgerinnen und Mitbürger habt keine Angst: ich bin mitten unter Euch.
|
|
Sixties
|
Im März nächsten Jahres wirst Du drei verschiedene Stücke spielen. Auch an drei aufeinanderfolgenden Tagen drei verschiedene
Stücke. Hast du nicht bedenken, plötzlich bei „Kiss me Kate“ die Julia zu spielen?
|
|
Guildo
|
Wäre ja auch nicht schlecht, das würde das Stück noch ein bisschen aufpeppen. Wenn ich in meinen Terminkalender schaue wird das mit
Sicherheit super anstrengend, aber mit Sicherheit auch eine neue Erfahrung. Wie gesagt, ich arbeite gerne viel und intensiv und bin während meiner Karriere auch schon vor Jahren durchs Stahlbad
marschiert.
|
|
Sixties
|
Wie bereitest du dich vor ? .
|
|
Guildo
|
Was meine Arbeitsweise angeht bin ich stets sehr diszipliniert und beiße mich tief rein. Zu Hause habe ich überall, auf´m Klo und so
meine verschiedenen Textbücher rumliegen. Fürs Auto (ich bin berufsbedingt Vielfahrer) brenne ich mir immer CDs zum Lernen. Ich gehe auch gerne durch den Wald spazieren oder reiten und drücke
dann meinem Pferd Toni, z.B. ein bisschen Paradise of Pain ins Ohr. Toni hat Verständnis dafür. Eine Seele von einem Mensch.
|
|
Sixties
|
Schaust Du dir andere Musicalproduktionen an?
|
|
Guildo
|
Gerne. Natürlich habe ich POE (Anmerkung: Musical von Frank Nimsgern) gesehen, weil es mich interessiert, was Frank Nimsgern
sonst so macht. Dann war ich jetzt in „Saturday Night Fever“, in „Phantom der Oper“, in „König der Löwen“ und „Les Miserable“. Ich finde die Theaterwelt hat etwas ganz
Besonderes. Du setzt dich in einen bequemen Sessel, es wird dunkel im Raum und auf der Bühne passieren unglaublich magische Dinge. Der Alltag fällt von Dir ab und Du wirst in eine andere Welt
gebeamt, und kannst so richtig schön auftanken.
|
|
Sixties
|
Das klingt, als hättest Du zur Zeit eine Menge Spaß an deiner Arbeit .
|
|
Guildo
|
Im Moment habe ich Megaspaß an meinen Beruf. Jeden Morgen wenn ich die Augen öffne empfinde ich tiefe Dankbarkeit, dass dieses Glück
mir Zuteil wurde.
|
|
Sixties
|
Jetzt bist du schon ein paar Jährchen auf der Bühne und mittlerweile auch schon über 5 Jahre auf der Theater- und Musical-Bühne,
gibt es noch so was wie Lampenfieber?
|
|
Guildo
|
Im Moment bin ich nicht aufgeregt, weil ich mich jedes Mal so riesig auf die Bühne freue. Aufgeregt bin ich eher, wenn ich nicht die
innere Bereitschaft habe. Zum Beispiel wenn ich gehetzt irgendwo ankomme. Natürlich lebe ich ja auch ein Leben jenseits der Bühne. Man staune! Und da gibt es auch genug Sachen, die mich
beschäftigen, ablenken und dann hab ich vielleicht mal überhaupt keine Lust, auf die Bühne zu gehen. Das dauert nicht lange, meist nur ein paar Minuten, aber da muss ich mich erst mal darauf
einstellen und dann werd ich aufgeregt.
|
|
Sixties
|
Hast du für das kommende Jahr weitere Pläne?
|
|
Guildo
|
Ich habe mit meinem musikalischen Leiter August Schrader und meiner Leibautorin Conny Hiller eine poppige Variante des "Der
Mannes von La Mancha" geschrieben. Das Ergebnis kann sich hören, lesen und ich hoffe bald auch sehen lassen: Ein Stück für Hörer aller Fachbereiche. Die Produktion ist auf acht bis zehn
Darsteller und Musikband reduziert. Unser Don Quichotte ist schon recht schmunzelig, mit einigen Comedyfacetten, aber auch höchst romantisch und feinsinnig. Für mich gehören Lachen und Weinen eh
eng beieinander. Die Musik liegt im Rock und Pop Bereich mit leicht spanischem Einschlag und jeder einzelne Titel besitzt Ohrwurmqualität. Seit ich denken kann ist der irrende Ritter meine
literarische Lieblingsfigur. Vermeintlich ist er ein Spinner, aber mit der Fähigkeit beseelt in allem etwas Besonderes zu entdecken. Er versteht es, die Menschen zu berühren, in seiner Gegenwart
fangen alle an zu blühen. Und genau das ist auch für mich als Künstler das wichtige. Ich will dass jeder einzelne Zuschauer spürt, wie viel er mir wert ist. Und ich hab mein Publikum wirklich
sehr lieb. Wir werden unseren DonQui nun diversen Theatern und Produzenten vorstellen und vor allem auch als Hörspiel veröffentlichen.
|